Die grüne Insel

Eigentlich sind die Kellys an allem Schuld.

1994 bekam Mama das gerade erschienene Album "Over the Hump" zum Geburtstag, doch irgendwie bekam ich es in die Hände - und wurde vom Kelly-Virus infiziert.

Auf dem Albumcover sind die Cliffs of Moher zu sehen und schon damals, mit gerade mal 7 Jahren, hatten es mir diese spektakulären Klippen angetan. Schon damals stand für mich fest: Eines Tages werde ich auch dort stehen! Tja, es hat 24 Jahre gedauert, aber nun ist dieser lang gehegte Traum tatsächlich wahr geworden, und noch so viel mehr - auch wenn es zunächst so gar nicht danach aussah ...

 

Es war also schon immer mein Traum, einmal nach Irland zu reisen. Die Landschaft, das berüchtigte Wetter, das raue Meer, Pferde, die Musik ... es gab so vieles, was mich an diesem Land faszinierte und immer neugieriger werden ließ. Als ich dann die Daten der kommenden Tournee von Angelo Kelly und seiner Family studierte und kein Konzert so wirklich bei uns in der Nähe stattfand, da dachte ich: Nun, wenn ich schon weit fahren muss dafür, dann kann es auch richtig weit sein. Und kurzerhand bestellte ich zwei Tickets für's Abschlusskonzert der Irish Summer Tour in Dublin. Das war nun wirklich ein toller Anlass, um endlich den Traum einer Irlandreise zu verwirklichen - doch vorerst stand das ganze Vorhaben noch auf sehr wackligen Beinen.

Feivel war über mehrere Monate immer wieder krank und ich wusste nicht, wie es im September aussehen würde. Doch Gott sei Dank besserte sich sein Zustand über den Sommer, sodass ich es schließlich wagte, die Flüge zu buchen. Inzwischen hatte sich auch Hannelore angeschlossen - Mama, sie und ich würden also zu Dritt unterwegs sein. Wir wollten mit Bus und Bahn durchs Land reisen und in Hostels bzw. B&Bs übernachten. Ich begab mich also daran, eine Route auszuarbeiten, Unterkünfte und Tickets zu buchen - was sich als nervenaufreibendes Unterfangen entpuppte. Es war 1000 mal einfacher, eine vierwöchige Rundreise durch Neuseeland zu organisieren, als wie zwei Wochen Irland! Aber nun gut, irgendwie schaffte ich es, die Systeme der verschiedenen Bus- und Bahngesellschaften zu durchblicken. Doch dann fingen die Schwierigkeiten erst richtig an! Als ich die Mails mit den Bustickets ausdrucken wollte, waren plötzlich 10 von 12 weg. Einfach verschwunden! Und nur die! Ich konnte es nicht fassen. Als ich das Mail-Programm nochmal neu öffnete, waren sie plötzlich wieder da.

Als ich die Unterkünfte buchen wollte, ging mein PC nicht mehr. Es tat sich absolut gar nichts, alles schwarz. Das hatte ich noch nie. Und auch dieses Problem war am nächsten Tag auf wundersame Weise wieder verschwunden. Als ich dann den nächsten Anlauf starten wollte, passierte das nächste Unglück: Ich kippte meine volle Tasse Tee über meinen PC ... er lief über die Tastatur, den Schreibtisch und tropfte fröhlich in die Steckerleiste ... die ich dann erstmal trocknen ließ. Natürlich gab es auch das klassische Druckerproblem - er wollte die Buchungsbestätigungen plötzlich nicht einfach drucken, sondern faxen, an wen auch immer ...

Was war ich froh, als am Ende alle Buchungen ausgedruckt in meiner Mappe lagen. Aber damit nicht genug. Am Morgen vor unserem Abflug kaufte Heinz eine Zeitung. Und was stand auf der Titelseite?? Ein Artikel über die neuesten Pannen bei Eurowings ... natürlich unsere Fluggesellschaft. Wir lasen den Artikel nicht.

Zum Flughafen kamen wir dann - wer hätte es gedacht - ohne Zwischenfälle. Doch dort war dann die Zufahrt gesperrt. Irgendwie kamen wir aber schließlich doch an und hatten sogar noch ein bisschen Zeit. Wir schlenderten durch einen Buchladen am Terminal - und was fanden wir? Ein Buch mit dem Titel "Gefährliche Ferien - Irland".

 

Um es kurz zu machen: Ja, wir sind tatsächlich geflogen. Und ja, ich habe das Buch gekauft.

Freitag, den 31.08.2019

Nachdem ich also - verständlicherweise, denke ich - ein wenig Bedenken hatte, verlief der Flug ohne Probleme und knappe 1,5 Stunden später landeten wir auch schon in Dublin und fuhren mit dem Airlink in die Stadt und zu unserer Unterkunft. Die erste Nacht verbrachten wir hier in einem Hostel.

Da es erst früher Nachmittag war, brachten wir nur kurz unser Gepäck aufs Zimmer und liefen dann los, um uns ein wenig die Stadt anzusehen. Dublin liegt an der Ostküste Irlands und wird durch die "Liffey" praktisch in zwei Hälften geteilt. Alle paar hundert Meter führt eine Brücke über den Fluss, sie sind alle unterschiedlich gestaltet. Woran wir uns nun auch erstmal gewöhnen mussten, ist der Linksverkehr. Jedes mal, wenn wir eine Straße überqueren mussten, standen wir erstmal da und schauten gefühlte 10 mal nachts rechts und links und wieder rechts, bevor wir uns auf die Straße trauten. Die Ampeln waren dabei auch nur begrenzt hilfreich und schienen ohnehin nur für Touristen aufgestellt worden zu sein. Keiner - außer uns natürlich - schien sich in irgendeiner Weise für sie zu interessieren. Sobald die Straße frei war, gingen alle ganz selbstverständlich rüber - egal, ob es sich um eine Hauptverkehrsstraße oder Kreuzung handelte. Wir braven deutschen Touris hielten uns natürlich an die Regeln und waren regelmäßig die einzigen, die noch da standen und warteten, bis endlich grün wurde. Das Phänomen begegnete uns übrigens überall in Irland. Und es ist erschreckend, wie schnell man sich anpasst und es übernimmt - am Ende der 2 Wochen taten wir es den Iren bereits gleich ...

Wir machten uns bei schönstem Wetter also nun auf den Weg. Vorbei an der Christchurch Cathedral und St. Patrick's Cathedral gelangten wir zur Marsh's Library, einer kleinen Bibliothek, die ich mir natürlich genauer anschauen musste. Sie wurde vor über 300 Jahren erbaut und die meisten Bücher stehen noch immer auf den original Regalen aus Eichenholz. Es gibt sogar noch 2 "Käfige": In den mit Gittern versehenen Räumen wurden früher Leser mit den Büchern, die sie lesen wollten, eingeschlossen, um Diebstahl zu verhindern. In der Bibliothek befanden sich auch zwei Ausstellungen: Einmal mit Bildern einer Dubliner Malerin und einmal eine Ausstellung mit dem Titel "The rarest books in the world" - die seltensten Bücher der Welt. In Glaskästen sind 32 Exemplare ausgestellt, die es nur noch ein einziges Mal auf der Welt gibt.

Wir schlenderten weiter durch den Park St. Stephen's Green und die Grafton Street entlang, eine bekannte Einkaufsstraße. Hier vielen ganz krass die Gegensätze ins Auge: Unten die hochmodernen Geschäfte, doch die Wohnungen ab der 2. Etage waren meist völlig heruntergekommen.

An Gino's Eisdiele konnten wir natürlich nicht vorbei gehen. Dort gibt es tolles Eis aus irischer Biomilch und zwar in so tollen Sorten wie z.B. Oreo. Es war nicht ganz billig, aber dafür schaufelte er das Eis regelrecht in die Waffeln. Wir schlenderten weiter und blieben immer wieder stehen, um den vielen Straßenmusikern zuzuhören.

Am Trinity College mit dem berühmten Book of Kells vorbei, gelangen wir schließlich in das Viertel Temple Bar. Fast hatte ich dort ein Hostel gebucht - nun bin ich heilfroh, es nicht getan zu haben. Es ist sozusagen der Party- und Kneipen-Hotspot von Dublin.

Wieder zurück auf der anderen Flussseite, kommen wir am Famine Memorial vorbei. Das Denkmal, bestehend aus lebensgroßen Bronzestatuen, erinnert an die große Hungersnot in Irland von 1845 bis 1851. Diese wurde ausgelöst durch Missernten infolge der Kartoffelfäule, die riesige Mengen des damaligen Hauptnahrungsmittels vernichtete. 1 Millionen Iren starben an den Folgen des Hungers, 2 Millionen wanderten in die USA, nach Kanada oder Australien aus. Genau an der Stelle, an der sich heute das Denkmal befindet, legte 1846 das erste dieser Auswanderungsschiffe in die USA ab. Heute liegt ebenfalls ein Segelschiff hier vor Anker, die Jeanie Johnston. Sie ist eine originalgetreue und fahrtüchtige Nachbildung eines der damaligen Schiffe, das 1847 in Quebec gebaut wurde und 16 mal den Atlantik überquerte, wobei kein einziger Passagier je zu Tode kam. Dies war damals durchaus nicht selbstverständlich, vor allem wenn man bedenkt, dass eine Überfahrt rund 47 Tage dauerte. Heute befindet sich auf der Jeannie Johnston ein kleines Museum; sie dient außerdem als Segelschulschiff.

Famine Memorial
Famine Memorial
Jeannie Johnston
Jeannie Johnston

Es ist bereits recht spät, als wir uns auf die Suche nach einem Restaurant begeben. Da wir uns nicht entscheiden können, bzw. nichts geeignetes finden, fragen wir kurzerhand jemanden, ob er was empfehlen könne. Und was ist seine erste Frage?? Ob es was Vegetarisches sein soll!! Sieht man uns das so sehr an?? Doch es geht gleich weiter mit den Überraschungen: Der junge Mann antwortet uns nämlich auf Deutsch! Wobei er sich doch tatsächlich auch noch für seine schlechte Aussprache entschuldigt, er hätte Deutsch in Österreich gelernt ... Er gibt sich die allergrößte Mühe, überlegt, wo es um die Zeit noch was Nettes zu Essen geben würde, das auch nicht zu teuer ist. Als er uns ein paar Adressen genannt hat, machen wir uns auf den Weg. Ein paar Minuten später, wir warten gerade an einer Ampel, kommt er nochmal angerannt. Er hätte noch ein Restaurant vergessen, ein Vietnamese, hier ganz in der Nähe. Super Essen und auch nicht zu teuer. Wir sind überwältigt von so viel Hilfsbereitschaft, die wir noch ganz oft auf der Reise erleben sollen.

Schließlich entscheiden wir uns für die Slatterys Bar, einen - wie wir später erst herausfinden - sehr bekannten und alteingesessenen Pub. Das Essen - ein Curry - ist lecker und Mama und Hannelore genießen endlich ihr erstes echtes Guinness :-)