Sonntag, den 02.10.2016

Die Fahrt durch die Nacht ist dann doch nicht ganz so schlimm wie befürchtet und gegen 5 Uhr morgens kommen wir in Williams Lake an. Wir haben keine Ahnung, ob unser Hotelzimmer inzwischen storniert wurde oder nicht, wollen unser Glück aber versuchen. Denn wenn wir es eh bezahlen müssen, wollen wir wenigstens noch ein paar Stündchen schlafen und das Frühstück mitnehmen. Das Hotel liegt glücklicherweise ganz in der Nähe der Haltestelle und auch um diese Uhrzeit ist die Rezeption besetzt. Zuerst schaut die nette Dame ein wenig irritiert, vermutlich kommt es nicht oft vor, dass Gäste erst Morgens einchecken ... als sie aber einmal verstanden hat worum es geht, ist ihre Freundlichkeit mal wieder kaum zu bremsen. Unser Zimmer ist tatsächlich noch für uns reserviert. Eigentlich müssten wir ja um elf schon wieder raus, aber sie würde das schon regeln, dass wir länger drin bleiben können (was wir aber nicht in Anspruch nehmen, da wir um halb elf ja schon wieder abgeholt werden). Dann sollen wir uns aber wenigstens beim Frühstück die Taschen vollpacken, sagt sie, wenn die Küchenhilfe grade nicht hinschaut. Hat man sowas schon erlebt? ;-) Wir sind in dem Moment einfach nur heilfroh, dass wir die nächsten Stunden nicht auf der Straße verbringen müssen.

So hat sich am Ende doch noch alles zum Guten gewendet und ich frage mich, ob das nicht einfach alles so kommen sollte. Hätten wir den Bus gestern Morgen wie geplant bekommen, hätten wir diesen tollen Tag im Aquarium nicht gehabt. So konnten wir den Tag noch nutzen, die Nacht durchfahren und hatten trotzdem noch was von unserem Hotel. Obwohl es zuerst ganz anders aussah, sind wir am Ende doch gut aus der ganzen Sache rausgekommen, finde ich!

Überpünktlich um halb elf rollt dann tatsächlich ein Pick-up auf den Parkplatz vorm Hotel und Sabine, die Eigentümerin der Big Creek Lodge, holt uns ab. Sie war grade noch bei ihrem Mann Joe im Krankenhaus und hat auch gleich die Einkäufe erledigt, denn von hier bis zur Ranch sind es 2 Stunden Fahrt. Da fährt man nicht "mal eben" in die Stadt. Zunächst folgen wir noch asphaltierten Straßen, doch bald werden diese zu holprigen Schotterpisten. Nun geht es "in den Busch", wie Sabine sagt. Unterwegs halten wir beim Farewell Canyon an und steigen aus. Von hier oben hat man eine tolle Aussicht auf die Schlucht und den Chilcotin River. Diese Farben sind fast unwirklich. Der strahlend blaue Himmel, die sandfarbenen Hänge, das türkise Wasser des Flusses, dazwischen die leuchtend gelben Pappeln und Salbeibüsche ...

Farewell Canyon
Farewell Canyon

Wir fahren weiter und Sabine holt ihre CD-Sammlung raus: Country! Was passt besser hierher? Darunter entdecke ich ein einziges mir bekanntes Lied: Fishing in the Dark von der Nitty Gritty Dirt Band.

https://www.youtube.com/watch?v=ppC5bfJduhE

Ich kenne es von einem Lakota aus Süd-Dakota, der mir ein paar Country Bands und Songs empfohlen hat ... nun finde ich es hier wieder.

Bald erreichen wir "Downtown" Big Creek, das Stadtzentrum. Es besteht aus einem Willkommensschild und einer Telefonzelle. Sonst nichts. Ein paar hundert Meter weiter steht ein Gemeindehaus, mit ein paar abgedeckten Bücherregalen und einer Küche. An der Wand hängen die Brandzeichen der verschiedenen Ranches.

Etwa 70 Leute leben heute in Big Creek - also verteilt in dem ganzen Gebiet. Eine Schule gibt es nicht mehr, da zwischenzeitlich Kindermangel herrschte. Nun wären wieder ein paar da, sodass sich eine Schule lohnen würde, aber es wird wohl keine geben. Stattdessen werden die Kinder online unterrichtet, einmal die Woche kommt eine Lehrerin zu ihnen raus.

Ach ja, vor dem Gemeinschaftshaus stehen auch noch die Briefkästen. Einmal die Woche bringt der Postbote Briefe und Pakete hierher.

Downtown Big Creek - das Gemeindehaus
Downtown Big Creek - das Gemeindehaus

Nun ist es nicht mehr weit. Zuerst kommen wir an der Ranch von Sabines Sohn vorbei, dann fahren wir auf den Hof der Big Creek Lodge. Und werden beim Aussteigen sofort stürmisch von Micky, Cookie und Speedy begrüßt, den Hofhunden. Micky ist ein schwarzer Labradormix und vermutlich der Weltrekordhalter im Stöckchen sammeln (7 Stück auf einmal!). Cookie und Speedy dagegen sind Border Collies. Ihre Aufgabe ist es, die Kühe zusammenzutreiben. Leider tun sie das auch auf eigene Faust, wenn ihnen langweilig ist. Und nicht nur bei den Kühen, sondern auch bei den Pferden ... Speedy ist übrigens trächtig, schon kurz nach unserer Rückkehr nach Deutschland sind Fotos der Kleinen auf Facebook zu sehen (schaut mal rein unter Big Creek!). Der Papa ist übrigens ein Nachbarshund, der sich losgerissen und der lieben Speedy einen Besuch abgestattet hat ...

Nach den Hunden werden wir auch von Akira begrüßt. Sie kommt eigentlich von Vancouver Island. Doch das letzte Jahr ist sie durch die USA und Kanada gereist, hat hier und dort gearbeitet und ist schließlich hier bei Sabine und Joe hängen geblieben. Hier ist sie so etwas wie Mädchen für alles: Sie macht die Ausritte mit den Gästen, kümmert sich um das Essen, hackt Holz ... Zunächst führt sie uns aber ins Haus und zeigt uns unser Zimmer. Das Haus ist ein absoluter Traum. Joe und Sabine, die übrigens vor 30 Jahren aus Deutschland hierher auswanderten, haben es in vier Jahren mühseliger Arbeit selbst gebaut. Es ist ein Blockhaus mit mehreren Etagen, Veranda und Balkon und herrlich eingerichtet. Unser Zimmer liegt im Keller, da das Haus aber am Hang gebaut ist, haben auch wir eine große Terrasse vor der Tür, von der aus man einen tollen Blick auf die Umgebung hat: der Fluss, die Rinder auf der Weide, im Hintergrund die Coast Mountains ... Ja, denke ich, hier lässt es sich aushalten. Schon jetzt ist mir klar, dass 4 Tage viel zu kurz sind.

Haupthaus der Big Creek Lodge
Haupthaus der Big Creek Lodge
unser Zimmer
unser Zimmer

Nachdem wir uns ein wenig umgesehen haben, gehen wir mit Akira zur Koppel, um die Pferde kennenzulernen. Die Weide ist riesig. Insgesamt leben hier etwa 28 Pferde, 10 davon sind jedoch grade auf einem Wanderritt in den Bergen. Die meisten sind Quarter Horses, es gibt aber auch einen Appaloosa (allerdings einfarbig), ein Paint und einen Mustang. Ein Jährling sieht genauso aus wie Feivel, mit dem Aalstrich und der weißen Nase.

Besuch auf der Weide
Besuch auf der Weide

Wir sind gespannt, wen wir wohl reiten werden, müssen uns damit aber noch bis zum nächsten Morgen gedulden. Den Rest des Tages verbringen wir im Game Room mit dem Kicker, Tischtennis und Billiard, um 6 Uhr gibt es Abendessen im gemütlichen Gemeinschaftsraum.

der Game Room
der Game Room

Abends kann ich von meinem Bett aus den Sternenhimmel sehen. Ich denke, wie herrlich es sein muss, an einem solchen Ort zu leben. Und sein Geld mit Feriengästen und Reittouren zu verdienen. Und, wie es hier wohl im Winter ist. Wenn alles tiefverschneit ist und eisige Temperaturen herrschen. Sicherlich ist das Leben hier draußen so weit ab von allem nicht immer einfach. Vor allem, wenn ein Notfall eintritt und Hilfe benötigt wird. Wie grade mit Sabines Mann Joe, der in die Stadt ins Krankenhaus musste. Oder vor ein paar Jahren, als ein Fohlen von einem Puma angefallen und schwer verletzt wurde. Eine Nachbarin kennt sich glücklicherweise gut mit solchen Dingen aus und konnte helfen. Durch die Abgeschiedenheit haben die Menschen hier draußen ein ganz anderes Verhältnis zueinander als in der Stadt. Sie helfen sich gegenseitig, wo sie können. Oder helfen sich einfach selbst. So wie Sabines Sohn, der neben seinen zahlreichen anderen Tätigkeiten auch Hufschmied ist.

Montag, den 03.10.2016

Nach einem typisch kanadischen Frühstück (Pancakes mit Ahornsirup) treffen wir uns um 10 Uhr mit Akira vor dem Stall. Wir holen Halfter und Stricke aus der Sattelkammer und machen uns auf den Weg zur Koppel, um unsere Pferde für den Ausritt zu holen. Ich bekomme "Tuff", einen Fuchswallach. Er ist ein Quarter-Horse, allerdings keines der modernen Sportpferde, sondern noch ein alter, kräftiger Typ. Er gefällt mir sofort. Christoph bekomme "Buddy", einen Dunkelbraunen, und Akira reitet "Shifter", ebenfalls ein Brauner. Der allerdings noch deutlich flotter unterwegs ist als seine beiden älteren Kollegen und kaum erwarten kann, dass es endlich los geht. Wir holen die Pferde also von der Weide, binden sie vor den Stall an und putzen sie. Wobei putzen hier heißt: Einmal schnell mit der Bürste drüber und Sattel drauf. Wobei beim Satteln schon genau darauf geachtet wird, dass er richtig liegt und alles ordentlich verschnallt ist. Für mich ist es schon eine Umstellung, ich bin lange nicht mehr im Westernsattel unterwegs gewesen. Freue mich aber umso mehr darauf!

Als wir fertig sind, geht es für eine Runde auf den Reitplatz. Scheinbar genügt Akira das auch schon um unsere Reitkünste einzuschätzen, denn dann geht es auch schon los ins Gelände. Die Hunde laufen mit und jagen wild bellend Squirrels hinterher - die vermutlich auf den Bäumen sitzen und denen den Stinkefinger zeigen.

Dass die Hunde mitkommen ist auf jeden Fall von Vorteil, da sie laut Sabine den besten Schutz vor Bären bieten. Allerdings würden die Pferde es auch wittern, wenn einer in der Nähe wäre. Und dann wäre es am besten, ganz schnell kehrt zu machen und zurückzureiten ...

Bei uns bleibt aber alles ruhig. Zwischendurch halten wir an und genießen die Aussicht auf die weite Landschaft und die Coast Mountains am Horizont. Wir haben - mal wieder ;-) - herrliches Wetter. Nachts gibt es hier zwar schon Frost, aber jetzt scheint die Sonne von einem strahlend blauen Himmel und wärmt ganz ordentlich. Nach einer Weile kommen wir an einen Fluss. Wir steigen ab und essen unseren Lunch, den Akira in den Satteltaschen mitgebracht hat. Man glaubt ja gar nicht, wie toll ein einfaches Käse-Sandwich hier draußen schmecken kann! Micky ist immer noch nicht müde, läuft sofort zum Fluss und kommt mit Stöckchen zurück. Sie hat drei Stück im Maul, eins legt sie mir vor die Füße, damit ich es werfe. Die anderen beiden behält sie und sammelt das dritte wieder ein. So geht es immer wieder, bis wir uns wieder auf den Weg machen. Wir folgen kaum erkennbaren Pfaden durch den Wald, wobei dieser ziemlich kahl aussieht, wie nach einem Waldbrand. Ich frage Akira danach und sie erklärt, dass das das Werk eines Käfers ist, der sich hier ausgebreitet hat. Er nistet sich in den Bäumen ein und zerstört sie von innen. Nun hoffen alle auf den Winter und die damit einsetzende Kälte, da dies die einzige Chance ist, ihn loszuwerden.

Tuff
Tuff
Sattelkammer und Putzplatz
Sattelkammer und Putzplatz
Blick auf die Coast Mountains im Hintergrund
Blick auf die Coast Mountains im Hintergrund

Nach rund 3,5 Stunden sind wir wieder zurück auf der Ranch. Wir versorgen die Pferde und bringen sie zurück auf die Koppel, wo sie sich erstmal genüsslich wälzen. Anschließend machen auch wir kurz Pause bei einer Tasse Tee und einem Stück Kuchen, dann zieht es uns wieder nach draußen. Wir laufen hinunter zum Fluss und folgen diesen ein Stück, soweit es eben möglich ist. Hier gibt es keine Trails oder etwas in der Art. Wir sind ganz froh, dass Micky uns begleitet. Sie scheint kein bisschen müde von unserem Ausflug mit den Pferden. Der Fluss fließt parallel zur Weide und als wir irgendwann aufgrund der dichten Sträucher nicht mehr weiterkommen, klettern wir kurzerhand durch den Zaun und laufen über die Weide zurück. Dabei kommen wir am Unterstand vorbei. Darin sind Wärmelampen angebracht. Kein Wunder, die Pferden leben hier auch das ganze Jahr über draußen und im Winter wird es hier gerne mal minus 40 Grad kalt.

Die Zeit bis zum Abendessen vertreiben wir uns wieder mit Kicker und Billard (so gaaaanz langsam fange ich an durchzublicken).

Micky
Micky

Dienstag, den 04.10.2016

Nachdem es in der ersten Nacht recht kühl war, war diese Nacht mehr als angenehm warm. Man hätte fast ohne Decke schlafen können. Das lag daran, dass nun das erste Mal das Heizsystem angestellt wurde und man erst ein wenig probieren muss, um die optimale Temperatur zu finden. Die "Heizung" befindet sich in einem kleinen Nebengebäude. Dort wird Wasser erhitzt, das dann durch Rohre ins Haus geleitet wird und es so erwärmt. Sogar eine Fußbodenheizung gibt es.

Heute Morgen lernen wir auch Joe kennen, Sabines Mann, der aus dem Krankenhaus zurück ist. Er setzt sich zu uns und erzählt uns noch einiges über den Hausbau. Vier Jahre hat es gedauert bis es fertig war, sie haben alles selbst gemacht. Es ist aus einfachen Bleistiftzeichnungen auf Papier entstanden und besteht aus richtig dicken, massiven Holzbalken. Wir hatten uns schon gefragt wie das sein kann, da ja auch Steckdosen an den Wänden befestigt sind. Aber dazu wurden einfach Löcher in die Baumstämme gebohrt und Kabel da durch verlegt.

Da wir heute früh dran sind, treffen wir uns schon um halb zehn am Stall. Wir reiten wieder die gleichen Pferde wie gestern, was mir sehr recht ist. Ich bin mit Tuff vollkommen zufrieden. Es ist schön mal ein Pferd zu reiten, bei dem man nicht ständig darauf gefasst sein muss, dass es wegen irgendwas durch die Gegend hüpft. Tuff ist zwar ein wenig langsam wenn er ganz hinten läuft; hat er jedoch jemanden hinter sich, dann geht er gleich ordentlich voran. So kommt es, dass ich heute oft vorne reiten soll, da auch Shifter, das Pferd von Akira, dann ein wenig ausgebremst wird. Er ist recht zügig unterwegs und unsere beiden Oldies hängen dann oft hinterher. Die Sache wird nur dadurch etwas erschwert, dass ich keinen Plan habe wo es lang geht. Gestern sind wir ja zumindest noch ansatzweise erkennbaren Pfaden gefolgt; heute geht es einfach quer durch den Busch. Durch einen Fluss, im Galopp über eine Wiese, durch den Wald, Berge hinauf und wieder hinunter. Meist lasse ich Tuff einfach machen, er kennt den Weg wohl, auch wenn eigentlich keiner da ist. Zwischendurch kommen dann Kommandos von hinten: "to the left!", "to the right!" - und "straight up the hill!" Ich zögere, habe ich das richtig verstanden? Da sollen wir hoch ...? Okay, Akira meint es tatsächlich ernst. Oben angekommen, genießen wir wieder einen tollen Panoramablick, sitzen ab und essen unseren Lunch.

Auf dem zweiten Teil des Rittes kommen wir an noch weiteren, besonderen Plätzen vorbei. Zum Beispiel mehrere Seen, an denen man manchmal Elche beobachten kann. Akira zeigt uns auch die Winterweide für die Pferde. Sie liegt zu einem großen Teil im Wald, sodass die Tiere dort besser vor dem Wetter geschützt sind. Auch finden sie hier noch etwas mehr Gras, wobei natürlich auch Heu zugefüttert wird. Täglich kommt auch jemand vorbei, um nach den Pferden zu sehen.

Zwischendurch halten wir immer wieder an, sitzen einfach nur da, genießen die Natur und die Stille. Genau das ist es, was Kanada für sie ausmache, sagt Akira. Und warum sie dieses Land so liebe.

Wir waren wieder rund 3,5 Stunden unterwegs, als wir wieder auf der Ranch eintreffen. Schade, dass dies schon unser letzter Ritt war ... Es war herrlich, endlich wieder im Westernsattel zu sitzen, auch wenn man sich erst mal wieder dran gewöhnen muss ... denn obwohl die Sättel recht bequem sind, sind sie doch ganz schön hart ...

Pause auf einem Hügel, mit herrlichem Blick auf die Landschaft
Pause auf einem Hügel, mit herrlichem Blick auf die Landschaft

Wir bringen die Pferde auf die Koppel, trinken einen Tee und marschieren dann wieder los. Diesmal kommt keiner der Hunde mit, aber wir wollen diesmal eh nur ein Stück die Straße entlang und mal sehen, wohin sie führt. Wir laufen und laufen und ich denke, nur noch bis zum nächsten Hügel, von da kann man bestimmt sehen, wie es dahinter weitergeht ... aber dann kommt noch ein Hügel und noch einer. Also beschließen wir, umzudrehen. Aber einfach so wieder die Straße zurück, ist ja auch langweilig. An einem Baum am Straßenrand entdecken wir ein buntes Band. Die sind uns auch schon während dem Ritt aufgefallen, sie hingen von Zeit zu Zeit in den Bäumen um einen Pfad zu markieren, der eigentlich nicht zu sehen war. Wir wollen wissen, ob es auch hier noch mehr von den Bändern gibt und wir so vielleicht durch den Wald zurück zur Ranch laufen können. Tatsächlich finden wir noch ein paar, nach nur ein paar hundert Metern allerdings keines mehr. Wir stehen mitten im Busch und beschließen, dass die Straße wohl doch die bessere und vor allem sichere Variante ist. In dem Punkt sind wir uns dann kurz darauf nicht mehr so sicher. Wir sind schon fast wieder zurück, als ich aus den Augenwinkel etwas dunkles schnell von hinten auf uns zurennen sehe. In dem Moment springt es Christoph auch schon von hinten an, wir erschrecken uns fast zu Tode. Aber es ist nur einer der Hunde, der plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht ist und uns nur stürmisch begrüßt! Wir nehmen zunächst an, dass es Speedy ist, doch als "sie" dann am Zaun das Bein hebt, werden wir skeptisch. Zurück auf der Ranch wird das Geheimnis gelüftet: Es ist Sam, einer der Hunde von Sabines Sohn, der uns vom Nachbargrundstück aus gefolgt ist ...

Wir spielen noch eine Runde Billiard und Kicker - wobei ich wie immer haushoch verliere - dann ist es schon wieder Zeit fürs Abendessen. Es gibt Nudeln ;-)

Wir sind noch immer die einzigen Gäste, allerdings sind seit gestern 4 Arbeiter da, Indianer. Sie sind allerdings den ganzen Tag unterwegs, wir treffen sie nur abends und hören sie (sehr) früh morgens. Holzhäuser sind nunmal sehr hellhörig und der Aufenthalts- und Essensraum liegt direkt über unserem Zimmer. Wenn da dann um 6 Uhr morgens die Stühle gerückt werden, hört sich das an als wäre das eine ganze Schrankwand. Nun ja.

Nach dem Abendessen packen wir wider die Spiele aus: Kniffel, Backgammon und Zug um Zug. Akira kommt neugierig an unserem Tisch und schaut interessiert zu, wir laden sie ein, mitzuspielen. Zuerst will sie nicht so richtig, doch nach der ersten Runde hat sie Gefallen dran gefunden und will nochmal. Es wird ein netter Abend und wir bedauern, dass es bereits unser letzter ist ...

Mittwoch, den 05.10.2016

Leider müssen wir heute schon direkt nach dem Frühstück los. Wir verabschieden uns von Akira, den Hunden und unserem wunderschönen Zimmer und Sabine bringt uns zurück nach Williams Lake. Beim Abschied sagt sie uns, wir sollen doch wieder kommen, im Juni, zum cattle drive! Ja, das wäre was ...

Um 12 Uhr nehmen wir den Bus zurück nach Vancouver. Unterwegs halten wir ein paar Mal an und ich komme mit zwei Männern von der Ostküste ins Gespräch. Sie fragen woher und wohin und wie es mir in Kanada gefalle und als ich anfange zu schwärmen, wie schön es hier ist und wie freundlich die Menschen seien meinen sie, ich müsse das nächste Mal unbedingt an die Ostküste kommen - die Menschen dort seien so viel netter als hier im Westen! Ich kann es nicht glauben, da ich schon hier durchweg positive Erfahrungen gemacht habe. Aber wahrscheinlich ist für uns der Vergleich Deutsche und Kanadier so in etwa wie für die Kanadier West- und Ostküste. Ein zweiter Mann, ebenfalls aus dem Osten, bestätigt dies und der erste fängt an zu erzählen: Vor einiger Zeit, erzählt er, hatte er einen kleinen Fahrradladen. Er traf zufällig auf eine junge Frau die mit dem Fahrrad durch Kanada fuhr und einen schweren Unfall hatte. sie war von einem Truck angefahren worden und hatte beide Beine gebrochen. Kurzerhand nahm er sie bei sich und seiner Familie auf, bis sie wieder gesund war und weiter radeln konnte. Oder der 11. September. Als aufgrund der Terroranschläge sämtliche Flüge ausfielen und Chaos herrschte, nahmen unzählige Kanadier wildfremde Leute bei sich zu Hause auf. Ja, auch er hätte 5 Leute bei sich gehabt, bestätigt der 2. Mann. Und das erste Erlebnis, das er hier im Westen hatte, sagt wieder der erste, sei in Edmonton gewesen. Da hatte man ihn ausgeraubt.

Ich selbst bin immer wieder verblüfft über die Offenheit und Freundlichkeit der Menschen hier. Bei uns in Deutschland hat man eher das Gefühl, dass sich jeder nur um sich selbst kümmert, mit starrem Blick gradeaus schaut oder nach unten auf sein Smartphone. In Kanada herrscht einfach eine grundlegend andere Mentalität. Nur zu gerne würde ich als nächstes den kanadischen Osten bereisen und mich selbst davon überzeugen, ob die Menschen dort unsere Erlebnisse hier im Westen wirklich noch toppen können.

Gegen 20 Uhr kommen wir in Vancouver an und machen uns mitsamt unseren Koffern auf den Weg zur Spaghetti Factory. Dort haben wir uns mit Annika verabredet, um unseren letzten Abend im Land der Bären und Lachse zu beschließen.

Annika hatte ebenfalls eine schöne Zeit und war unter anderem an der Capilano Suspension Bridge, einer riesigen Hängebrücke. Tja, es hilft nichts. Ich muss definitiv nochmal wiederkommen ...

Donnerstag, den 06.10.2016

Es ist soweit, unser letzter Tag in Kanada bricht an. Irgendwann musste es ja soweit kommen.

Ich stehe vor meinem leeren Koffer und dem Berg daneben, der da drin verstaut werden soll. Oh oh, ob das passt ...? Ja, mit quetschen und stapeln und schieben und nochmal umpacken und drauf knien geht es dann tatsächlich. Und dafür, dass ich auf dem Hinflug nur etwas über 14 Kilo dabei hatte, bleibe ich diesmal nur ganz knapp unter dem Gepäcklimit ... puh. Und nein, daran ist nicht allein das ganze "Altpapier" Schuld! ;-)

Unser Flug geht erst am frühen Abend, also haben wir noch ein wenig Zeit. Unser Gepäck dürfen wir noch im Hostel lassen. Wir fahren mit dem Aquabus hinüber nach Granville Island. Die kleine Halbinsel war früher ein Industriestandort, zerfiel in den 1950er Jahren zunehmend und beherbergt heute Geschäfte, Restaurants, Theater und eine Universität für Kunst und Design. Granville Island ist bei Touristen und Einheimischen gleichermaßen beliebt; ich persönlich bin nicht ganz so angetan. Es sieht einfach alles so nach altem Fabrikgelände aus.

Wir verlassen Granville Island zunächst und laufen am Wasser entlang bis zum Kitsilano Beach, einem der beliebtesten Strände in der Umgebung von Vancouver. Es ist schön, aber so richtig Umhauen tut es mich nicht ... Tja, das liegt wohl einfach daran, dass wir in den vergangenen Wochen schon so viele tolle Orte gesehen haben. Oder am Wetter. Denn heute, am Tag unserer Abreise, hängen tatsächlich dicke, graue Wolken über der Stadt. Glücklichereweise bleibt es aber vorerst trocken und fängt erst so richtig an zu schütten, als wir längst am Flughafen sind. Wir laufen durch Kitsilano zurück nach Granville Island und dort zum berühmten Public Market. Dies ist ein großer Markt in einer Halle, auf dem man so ziemlich alles bekommt, was irgendwie essbar ist. Es gibt Stände mit frischem Obst und Gemüse, Bäckereien, Saftbars und allerlei warme Gerichte aus unterschiedlichen Ländern. Ich kaufe einen Blueberry Scone und ein Stück Banana Bread für unterwegs; der Tag ist noch lang und wer weiß, was im Flugzeug auf uns wartet ...

Skyline von Vancouver von Granville Island aus
Skyline von Vancouver von Granville Island aus

Anschließend fahren wir mit dem Aquabus wieder hinüber auf die andere Seite des False Creek, holen unser Gepäck im Hostel ab und machen uns langsam auf den Weg zur Haltestelle der Sky Train, die uns zum Flughafen bringen soll. Vorher müssen wir aber noch einen Stop einlegen ... Annika hat hier in Vancouver ein DQ entdeckt. Und da das (fast) auf dem Weg zur Bahnstation liegt, halten wir dort kurz an und gönnen uns einen letzten Blizzard. Ganz in der Nähe befindet sich die Vancouver Public Library, die Stadtbibliothek. Ich nutze die Gelegenheit und schaue einmal kurz rein. Sie ist wirklich riesig, allein die Menge an Bücherwagen ...! Es gibt eine eigene Abteilung mit fremdsprachigen Büchern, darunter auch Deutsch und etliches in Chinesisch und Japanisch. Hier hätte ich gut noch mehr Zeit verbringen können, aber wir müssen langsam wirklich los zum Flughafen.

Die Fahrt dorthin und das Einchecken verlaufen dann auch recht problemlos - wie gesagt, ich war grade noch so unter der Gepäckgrenze.

Und dann heißt es warten. Wir sind sowieso recht früh dran und dann hat unser Flieger auch noch Verspätung. Zudem ist er mal wieder total überbucht. Der Flug selbst verläuft dann allerdings problemlos, rund 9,5 Stunden dauert es, bis wir am nächsten Tag gegen Mittag in Frankfurt landen. Das Anschnallzeichen erlischt und alle stürzen sich auf die Gepäckfächer. Das Ehepaar vor uns ist leicht irritiert, als der Mann "seinen" Rucksack aus dem Fach hievt - so schwer hatte er ihn gar nicht in Erinnerung! Kein Wunder, das ist auch meiner. Wir müssen lachen als sich rausstellt, dass wir den gleichen Rucksack von SK-Touristik haben :-)

Und so gehen drei traumhafte Wochen in Kanadas Westen ihrem Ende entgegen. Für mich persönlich war es eine unglaublich tolle Zeit, mit vielen besonderen Erlebnissen und Eindrücken. Natürlich war nicht immer alles unproblematisch und es gab auch die ein oder andere schwierige Situation zu meistern. Aber ich denke doch, dass wir uns gern an diese Reise zurückerinnern werden und auch, dass jeder von uns für sich selbst etwas davon mitgenommen hat.

Wer auch immer damals seine Hand im Spiel hatte und die Kiste mit den Losen hat herunterfallen lassen ... DANKE!!!!!